Aluminium – 100% recycelbar, aber welcher Preis beim Neumaterial?

Artikel 2 der Serie: Aluminium-Kunstrattan vs. PP-Stühle – wer ist wirklich nachhaltiger?
– Das Titelbild zeigt den Stapelstuhl Urban von EMU. –
„Aluminium ist recycelbar.“ Dieser Satz sitzt. Er klingt gut. Er klingt modern. Er klingt nachhaltig.
Und er stimmt. Aluminium kann theoretisch unendlich oft eingeschmolzen und zu neuem Material verarbeitet werden – ohne jeglichen Qualitätsverlust. Rund 75 Prozent des jemals hergestellten Aluminiums befinden sich noch heute in Umlauf – in Gebäuden, Fahrzeugen, Maschinen, Verpackungen. Eine beeindruckende Zahl.[1]
Aber dieser Satz verschweigt etwas. Er sagt nichts darüber, wie Aluminium hergestellt wird. Und da beginnt eine Geschichte, die im Verkaufsgespräch nicht erzählt wird.
Sekundär ist nicht gleich Primär
Man muss unterscheiden. Zwei Sorten Aluminium stehen sich gegenüber.
Sekundäraluminium entsteht durch das Einschmelzen von Altmaterial. Der Energieaufwand ist minimal. Das Internationale Aluminium-Institut hat gemessen: Die Primärenergie für recyceltes Aluminium beträgt 8,3 Gigajoule pro Tonne. Für Primäraluminium sind es 186 Gigajoule. Das entspricht einer Energieersparnis von 95,5 Prozent. Recycling spart außerdem den Abbau von 8 Tonnen Bauxit pro Tonne Aluminiumschrott. Die CO₂-Bilanz von Sekundäraluminium aus europäischer Fertigung liegt bei rund 2 kg CO₂ pro Kilogramm.[2][3][1]
Primäraluminium ist ein anderes Tier. Es beginnt mit dem Abbau von Bauxit, durchläuft das Bayer-Verfahren und endet in der Schmelzflusselektrolyse – einem Prozess, der bis zu 15.700 kWh elektrischen Strom pro Tonne verschlingt. Das ist mehr Strom, als ein Durchschnittshaushalt in vier Jahren verbraucht. Pro Tonne Aluminium.[4]
Und dieser Strom muss irgendwo herkommen. Das ist die entscheidende Frage. Nicht: Ist Aluminium recycelbar? Sondern: Woher kommt der Strom?
China produziert heute rund 60 Prozent des weltweiten Primäraluminiums – 43 Millionen Tonnen allein im Jahr 2024. Kein anderes Land kommt auch nur annähernd heran. Indien, der Zweite, kommt auf 4,2 Millionen Tonnen.[5][6]
Und Chinas Stromversorgung ist zu einem erheblichen Teil kohlebasiert.
Das Ergebnis: Mit Kohlestrom hergestelltes Primäraluminium erzeugt rund 20 kg CO₂ pro Kilogramm. Zum Vergleich: Primäraluminium aus europäischer Fertigung mit Erneuerbaren liegt bei rund 4 kg CO₂/kg. Sekundäraluminium in Europa: rund 2 kg CO₂/kg.[7][2]
Der Unterschied ist zehnfach. Nicht marginal. Zehnfach.
Im Jahr 2020 emittierte Chinas Primäraluminiumproduktion allein 667 Millionen Tonnen CO₂ – mehr als die gesamten CO₂-Emissionen Indonesiens. Über 75 Prozent davon stammten aus Kohle. Der globale Aluminiumsektor insgesamt verursacht rund 2 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen – rund 1.116 Millionen Tonnen CO₂eWas CO₂e genau bedeutet • CO₂e heißt „CO₂-Äquiva... More im Jahr 2023. Das ist mehr als der gesamte zivile Flugverkehr weltweit.[8][9]
Diese Zahlen stehen hinter jedem Aluminiumstuhl aus chinesischer Produktion – sofern das Material nicht explizit als Sekundäraluminium aus erneuerbarer Fertigung ausgewiesen ist. Was praktisch nie der Fall ist.
Guinea: Die andere Seite des Bauxits
Aber beginnen wir früher. Bevor Aluminium zu Aluminium wird, ist es Bauxit. Und Bauxit wird abgebaut.
Guinea in Westafrika verfügt über das weltweit größte Bauxitvorkommen. Über 80 Prozent des in Deutschland verwendeten Bauxits stammen aus Guinea. Die lokale Bevölkerung zahlt den Preis: Primärwälder werden abgeholzt, Wasseradern zerstört, roter Staub macht Äcker unbrauchbar, Atemwegskrankheiten nehmen zu, Dörfer werden zwangsumgesiedelt. Human Rights Watch, FIAN und PowerShift haben diese Zustände dokumentiert.[10][11][12][13]
Das steht nicht auf dem Preisschild eines Aluminiummöbels. Aber es ist Teil seiner Geschichte.
Recyclingrate und die Wirklichkeit dahinter
Zurück zur Recyclingquote. 76 Prozent weltweit klingt nach Erfolg. Im Baubereich stimmt das auch: In Europa werden über 90 Prozent des verbauten Aluminiums wieder eingeschmolzen. Fensterrahmen, Fassadenplatten, Konstruktionsteile – sie haben klare Rückgabewege.[7]
Aber ein Gartenmöbel ist kein Fensterrahmen.
Ein Aluminiumstuhl, der nach fünf Jahren auf dem Sperrmüll landet – weil das Kunstrattan ausgefranst ist, weil die Verbindungen korrodiert sind, weil er schlicht billig war – landet nicht im Aluminiumrecycling. Er landet mit allem, was dranwächst, in der Abfallanlage. Und dort, mit Kunststoffgeflecht und Verbindungselementen, ist er kaum sortenrein trennbar.
Die 90-Prozent-Recyclingquote gilt für Aluminium in gut geführten Industrieanwendungen mit organisierten Rückgabewegen. Nicht für günstige Massenware.
Das ist kein Angriff auf das Material. Es ist ein Hinweis auf die Lücke zwischen Materialversprechen und Produktrealität.
Das Potenzial ist real – aber wo ist es?
Sekundäraluminium mit erneuerbarer Energie ist tatsächlich eines der nachhaltigsten Metalle überhaupt. Der norwegische Konzern Hydro bietet Produkte wie „CIRCAL 75R“ an – mit mindestens 75 Prozent recyceltem Endnutzermaterial und einem CO₂-Fußabdruck von rund 2 kg/kg. Das ist eine exzellente Bilanz.[2]
Aber wie viel davon steckt in Gartenmöbeln aus chinesischer Massenproduktion?
Kaum etwas. Hoch recyceltes Aluminium geht in Automobil, Luftfahrt, Architektur – Bereiche mit langer Nutzungsdauer, hohem Materialwert und organisierten Kreisläufen. Die Massenproduktion billiger Außenmöbel greift auf Primäraluminium zurück – weil es günstiger ist, weil Zertifizierungen kosten, weil der Importhandel keine Fragen stellt.
Der Käufer sieht: Aluminium. Er denkt: recycelbar, nachhaltig, gut.
Er fragt nicht: Welches Aluminium? Aus welchem Land? Mit welchem Strom? Zertifiziert womit?
Was das für den Einkauf bedeutet
Wer Möbel für Hotels oder Restaurants beschafft, sollte genau diese Fragen stellen.
Aluminium hat enormes Potenzial. Sekundäraluminium aus Europa – aus Werken mit Wasserkraft oder Solarstrom, mit dokumentiertem Recyclatanteil und nachvollziehbarer Lieferkette – ist ein hervorragendes Material. Langlebig, korrosionsbeständig, leicht, gut verarbeitbar.[14][1]
Aber dieser Standard ist nicht automatisch erfüllt, nur weil auf einem Möbel „Aluminium“ steht.
Primäraluminium aus kohlebetriebenem chinesischem Schmelzwerk, transportiert mit Schweröl über tausende Kilometer, kombiniert mit Kunstrattan, das sich kaum vom Gestell trennen lässt – das ist kein nachhaltiges Produkt. Es ist ein Produkt mit einem Nachhaltigkeitsmythos.
Der Unterschied liegt im Detail. Und das Detail fragt sich nur, wer die richtigen Fragen stellt.
Aluminium ist nicht gut oder schlecht. Es ist komplex.
Aluminium ist kein pauschales Argument für Nachhaltigkeit. Es ist ein Material, dessen ökologische Bilanz vollständig davon abhängt, wie es hergestellt, wie lange es genutzt und wie es entsorgt wird. Mit erneuerbarer Energie und konsequentem Recycling ist es ein Werkstoff der Kreislaufwirtschaft. Mit Kohlestrom aus chinesischer Primärproduktion, kombiniert mit Billigkunststoff und ohne geplanten Rückgabeweg, ist es ein Klimaproblem.[15][9]
Die Frage ist nicht: Ist Aluminium gut? Die Frage ist: Welches Aluminium, unter welchen Bedingungen, aus welcher Hand, mit welchem Ende?
Wer das weiß, hört auf, Aluminium reflexartig als „natürlich und recycelbar“ zu loben – und fängt an, das Material ernst zu nehmen.
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Weiter führende Literatur:
- https://www.bluegreenalliance.org/wp-content/uploads/2021/04/Aluminumreportdesign-FinalFeb2022.pdf
- https://www.klimaschutz-industrie.de/themen/branchen/nichteisenmetallindustrie/klimafreundliche-aluminiumherstellung/
- https://table.media/en/climate/news-en/china-how-the-aluminum-sector-is-supposed-to-become-greener
- https://ioplus.nl/archive/de/standardwerk-zu-aluminium-recycling-laesst-kreislaufwirtschaft-naeher-ruecken/
- https://www.italpres.de/aluminium-druckguss-nachrichten/wege-zur-dekarbonisierung-fuer-die-aluminiumindustrie-2050
- https://www.gtai.de/de/trade/china/specials/china-der-weltgroesste-co2-emittent-will-das-klima-schuetzen-829280
- https://www.energiezukunft.eu/wirtschaft/bauxit-abbau-in-guinea-belastet-menschen-und-umwelt
- https://de.made-in-china.com/manufacturers/garden-furniture.html
- https://www.reuters.com/markets/commodities/china-nears-peak-aluminium-production-what-next-andy-home-2025-04-24/
- https://de.hbsinostarmetals.com/outdoor-furniture/
- https://www.technik-einkauf.de/rohstoffe/das-sind-die-groessten-produzenten-von-aluminium-der-welt/1627483
- https://german.globalsources.com/Metall-Gartenmöbel/Aluminium-gartenmobel-1221425495p.htm
- https://www.voronoiapp.com/markets/China-Dominates-Global-Aluminum-Production-with-Nearly-60-Share-1096
- https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1371664/umfrage/verteilung-der-weltweiten-foerderung-von-aluminium-nach-laendern/
- https://www.helvetas.org/de/schweiz/was-sie-tun-koennen/dran-bleiben/blog/blog-polit-sichten/schattenseiten-aluminium