Aluminium ist nicht gleich Aluminium: Sekundär vs. Primär, Europa vs. China

Artikel 15 der Serie: Aluminium-Kunstrattan vs. PP-Stühle – wer ist wirklich nachhaltiger?
Das sauberste Metall der Welt – oder das schmutzigste?
Aluminium ist gleichzeitig eines der nachhaltigsten und eines der schädlichsten Materialien in der Produktion. Beides stimmt. Beides ist dieselbe Substanz.
Der Unterschied liegt nicht im Material. Er liegt in zwei Fragen: Kommt es aus Bauxiterz oder aus Schrott? Und womit wurde die Schmelze betrieben – Kohlestrom oder Wasserkraft?
Diese beiden Fragen trennen 0,25 Kilogramm CO₂ pro Kilogramm Aluminium von 20 Kilogramm CO₂ pro Kilogramm Aluminium. Das ist ein Faktor von 80. Kein anderes Baumaterial hat eine so extreme Bandbreite in seiner Klimabilanz.[2][1]
Und fast niemand, der Aluminiummöbel kauft, weiß, wo auf dieser Skala sein Produkt steht.
Was Primäraluminium wirklich kostet
Aluminium kommt aus Bauxit. Bauxit wird abgebaut – in Guinea, Australien, Brasilien, China. Der Abbau ist energieintensiv, flächenverbrauchend und in vielen Förderländern mit erheblichen sozialen und ökologischen Kosten verbunden.
Das abgebaute Bauxit wird zu Aluminiumoxid (Tonerde) raffiniert – das kostet rund 2,4 kg CO₂ pro kg Aluminium. Dann kommt der entscheidende Schritt: die elektrolytische Reduktion, die aus der Tonerde reines Aluminium macht. Dieser Prozess ist extrem energiehungrig – er verbraucht 13 bis 16 Kilowattstunden pro Kilogramm Aluminium. Das sind 15 bis 20 Kilowattstunden für einen einzigen Kilogramm.[3][4]
Was dieser Schritt zur Atmosphäre beiträgt, hängt fast ausschließlich davon ab, woher dieser Strom kommt.
In Norwegen kommt der Strom aus Wasserkraft. Norsk Hydro betreibt über 20 Wasserkraftwerke in Norwegen und liefert jährlich rund 10 TWh saubere Energie für seine Aluminiumwerke. CO₂-Fußabdruck: unter 4 kg CO₂ pro Kilogramm Aluminium.[5][6][7]
In China kommt der Strom zu mehr als 80 Prozent aus Kohle. CO₂-Fußabdruck: bis zu 20 kg CO₂ pro Kilogramm Aluminium.[8][2]
Ein Aluminiumwerk auf Kohlebasis hat fünfmal höhere CO₂-Emissionen als ein Werk auf Basis erneuerbarer Energien.[7]
Sekundäraluminium: das Versprechen, das sich rechnet
Sekundäraluminium – aus Schrott eingeschmolzen – ist das beste Argument für Aluminium als nachhaltiges Material. Die Zahlen sind bekannt: 95 Prozent weniger Energie als bei der Primärproduktion. 0,7 kWh pro Kilogramm statt 13 bis 16 kWh.[9][4]
Was weniger bekannt ist: Auch beim Sekundäraluminium hängt der CO₂-Fußabdruck vom Strommix ab. Einschmelzen verbraucht immer noch Energie. Sekundäraluminium aus einem europäischen Recyclingwerk mit erneuerbarem Strom – wie die Ecoal-Barren eines Herstellers wie Casal, aus 85 Prozent Schrott, mit Emissionen unter 0,25 kg CO₂ pro kg Aluminium – ist eine andere Welt als Sekundäraluminium aus einem chinesischen Schmelzwerk mit Kohlestrom.[1]
Die Bandbreite reicht also von 0,25 kg CO₂/kg bis 20 kg CO₂/kg. Faktor 80. Alles Aluminium. Alles „100 Prozent recycelbar“. Alles gleich klingend im Katalog.
Das Marketingproblem: wenn das Gestell als „grün“ verkauft wird
Hier beginnt das eigentliche Problem.
Ein Importeur von Aluminium-Kunstrattan-Gartenmöbeln aus China schreibt in seinen Katalog: „Aluminiumgestell – langlebig, leicht und vollständig recycelbar.“ Das ist technisch nicht falsch. Aluminium kann recycelt werden. Es ist leicht. Es ist langlebig.
Was fehlt: Woher kommt dieses Aluminium? Ist es Primär- oder Sekundäraluminium? Mit welchem Strom wurde es erschmolzen? In welchem Land, in welchem Werk, zu welchem Zeitpunkt?
Diese Fragen werden nicht gestellt. Die Antwort wäre bei chinesischem Primäraluminium aus Kohlewerken: bis zu 20 kg CO₂ pro Kilogramm. Ein typischer Aluminiummöbelrahmen wiegt 3 bis 5 Kilogramm. Das ergibt 60 bis 100 kg CO₂ allein für das Gestell – bevor der Stuhl das Werk verlässt.[8][2]
Die Aussage „recyclebar“ verdeckt diese Tatsache vollständig. Sie impliziert Nachhaltigkeit und liefert das Gegenteil.
Der Gesamtverband der Aluminiumindustrie weiß es selbst
Dieser Punkt ist nicht neu. Und er kommt nicht nur von Umweltorganisationen.
Der Gesamtverband der Aluminiumindustrie (GDA) hat bereits 2010 öffentlich gewarnt: „Ökologisch kaum relevante oder gar irreführende Indikatoren wie das Propagieren eines Recycled Metal Content sind hierbei nicht zielführend.“ Das Propagieren des Rezyklatgehalts ohne Angabe des Energieträgers „reicht uns nicht, um mit dem Aufklärungsanspruch des Verbrauchers und unserer Umwelt verantwortlich umzugehen.“[10]
Das ist der eigene Berufsverband der Aluminiumindustrie, der vor Greenwashing mit dem eigenen Material warnt. Seit 16 Jahren!
Geändert hat sich im Massenmarkt: nichts.
Was Porsche, Mercedes und Hydro vorleben
Die Automobilindustrie hat dieses Problem früher als die Möbelbranche erkannt – weil sie unter strengerem regulatorischem Druck steht und weil ihre Kunden Nachhaltigkeitsaussagen inzwischen kritisch hinterfragen.
Porsche hat 2024 vertraglich mit Norsk Hydro vereinbart: CO₂-reduziertes Primäraluminium mit einem Fußabdruck von unter 4 kg CO₂/kg, hergestellt mit Wasserkraft in Norwegen. Ab 2027/2028 soll Hydro Aluminium mit mindestens 75 Prozent Recyclinganteil liefern.[6][5]
Mercedes-Benz arbeitet mit denselben Lieferanten an der Dekarbonisierung seiner Aluminium-Lieferkette. Die Logik ist dieselbe, die in der Möbelbranche noch fehlt: Nicht „Aluminium ist recyclebar“ – sondern „dieses Aluminium wurde mit diesem Strom, in diesem Werk, aus diesem Schrott hergestellt.“[11]
Die Automobilhersteller können das kommunizieren, weil sie es wissen. Weil sie danach gefragt haben. Weil sie Transparenzanforderungen an ihre Lieferanten stellen.
Möbelimporteure aus dem Massenmarkt stellen diese Anforderungen nicht. Weil niemand sie dazu zwingt. Noch nicht!
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Was das für den Möbelkauf bedeutet
Die Frage ist einfach: Woher kommt das Aluminium in diesem Stuhl?
Wenn die Antwort fehlt – und bei asiatischen Massenartikeln fehlt sie fast immer –, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es chinesisches Primäraluminium mit Kohlestrom ist. Das ist der Marktstandard für günstige Importprodukte. Nicht weil die Hersteller böswillig wären. Weil es das billigste verfügbare Material ist.
Das ergibt einen CO₂-Rucksack von bis zu 100 kg CO₂ allein für das Gestell. Und auf dem Preisschild: nichts davon.
Demgegenüber steht ein PP-Stuhl aus europäischer Fertigung mit 50 Prozent Recyclatanteil, produziert mit Solarstrom oder Wasserkraft. Der CO₂-Rucksack des Materials: ein Bruchteil. Dokumentiert, zertifiziert, nachvollziehbar.[2][1][8]
Aluminium ist nicht grün. Aluminium kann grün sein.
Sekundäraluminium aus erneuerbarer Energie, dokumentiert und zertifiziert, ist ein exzellentes Material. Es hat einen Fußabdruck, der mit dem von recyceltem PP konkurrieren kann.
Primäraluminium aus chinesischen Kohleschmelzen hat einen Fußabdruck, der das Klimaversprechen des gesamten Produkts zunichte macht – unabhängig davon, was auf dem Katalog steht.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Aluminiumsorten liegt nicht in der Substanz. Er liegt in der Frage, die man stellt. Und in der Bereitschaft des Verkäufers, sie zu beantworten.
Dieser Artikel liefert die schärfste Zahl der gesamten Serie: Faktor 80 zwischen 0,25 kg CO₂/kg Ecoal-Sekundäraluminium und 20 kg CO₂/kg Primäraluminium aus chinesischen Kohlewerken – und belegt damit, dass „Aluminium ist recyclebar“ eine der irreführendsten Aussagen im Möbelmarketing ist. Das Kernargument: nicht das Material ist das Problem, sondern die fehlende Frage.
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