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Dr. Christoph Hantermann

Grüner Anstrich: Wer wirklich nachhaltig ist und wer nur so tut

Grüner Anstrich versus echte nachhaltige Terrassenmöbel von Pedrali, Nardi und Scab auf moderner Hotelterrasse

Artikel 14 der Serie: Aluminium-Kunstrattan vs. PP-Stühle – wer ist wirklich nachhaltiger?

Das Wort, das alles darf

„Nachhaltig.“ Es steht überall. Auf dem Campingstuhl für 19 Euro. Auf der Luxus-Gartenlounge für 3.000 Euro. Auf dem Billigversender aus China. Auf dem norditalienischen Familienbetrieb.

Niemand hat dieses Wort definiert. Niemand muss es beweisen. Und genau deshalb ist es so verlockend.

Das Wort „nachhaltig“ kostet nichts. Es braucht keine Zertifizierung. Kein Audit. Keine Messung. Man schreibt es in den Katalog, und es ist da. Es macht das Produkt attraktiver. Es spricht eine Zielgruppe an, die gewachsen ist. Und es ist – in über der Hälfte aller Fälle – nicht wahr.

Die Zahl, die nichts geändert hat

Im Jahr 2020 hat die EU-Kommission eine Studie veröffentlicht. Sie haben 1.305 Produkte und 1.616 Werbeanzeigen aus 15 EU-Mitgliedstaaten untersucht. Das Ergebnis: 53,3 Prozent aller geprüften Umweltaussagen wurden als vage, irreführend oder unfundiert eingestuft. 40 Prozent waren überhaupt nicht belegt.[2][1]

Mehr als die Hälfte. Jede zweite Umweltaussage auf europäischen Märkten – ohne faktische Grundlage.

Das war 2020. Was hat sich geändert?

2023 hat die EU-Kommission die Green Claims Directive vorgeschlagen: Unternehmen sollten Umweltaussagen künftig vor der Veröffentlichung unabhängig prüfen und wissenschaftlich belegen lassen. Das klang gut.[4][2]

Im Juni 2025 wurde die Green Claims Directive zurückgezogen. Die Kommission pausierte die Initiative – politischer Druck, bürokratische Bedenken, Widerstand aus der Industrie. Das Ergebnis: Unternehmen werden weiterhin keine Pflicht haben, ihre Umweltaussagen vorab zu belegen. Die 53,3 Prozent bleiben, was sie sind: eine belegte Tatsache ohne Konsequenz.[3]

Wie Greenwashing in der Möbelbranche konkret aussieht

Greenwashing bei Möbeln ist selten plump. Es ist meistens subtil. Es sind nicht die offensichtlichen Lügen – es sind die Halbwahrheiten, die Auslassungen, die irreführenden Rahmungen.[5][6]

Hier sind die häufigsten Muster:

Pauschalaussagen ohne Spezifikation. „Nachhaltig produziert.“ Womit? Wie? Wie gemessen? Keine Angabe. Das Wort steht im Raum und füllt sich mit dem, was der Käufer hineininterpretiert.

Zertifizierungen ohne Substanz. Nicht jedes Label ist gleich. Heute existieren in der EU über 230 verschiedene Nachhaltigkeitslabels und 100 Umweltlabels im Energiebereich. Viele davon sind selbst erstellt, ohne unabhängige Prüfung, ohne transparente Kriterien. Ein Unternehmen kann sich ein Logo zeichnen, es „Eco-Cert“ nennen, und es auf seine Produkte kleben – ohne dass jemand nachfragt.[7][8][2]

Materialteilaussagen. „Aus recyceltem Material.“ Wie viel Prozent? Welcher Teil des Produkts? Eine Schraube aus recyceltem Stahl macht den Stuhl nicht nachhaltig. Wenn der Anteil nicht genannt wird, ist die Aussage wertlos.[6]

Proximalgreenwashing. Ein chinesischer Importeur bewirbt sein Produkt als „Aluminium – vollständig recycelbar.“ Stimmt – aber das Aluminium in seinem Verbundmöbel wird in der Praxis nicht recycelt. Die Aussage ist technisch korrekt und praktisch irreführend.

Der Unterschied zwischen Aussage und Beweis

Und dann gibt es Unternehmen, die es anders machen.

Nardi Net Gartenstühle in verschiedenen Farben auf grüner Wiese mit Meerblick für Terrasse und Gastronomie

 

Nardi veröffentlicht keine Selbstdeklaration. Nardi weist nach: Ein Power Purchase Agreement mit Alperia, einem regulierten Wasserkraftproduzenten. Guarantee-of-Origin-Zertifikate des GSE, einer staatlich kontrollierten Einrichtung. Eine EPD nach ISO 14025 für den Trill-Armstuhl, ausgestellt von einem akkreditierten Institut. Das ist nicht „wir sind nachhaltig“. Das ist: Hier ist das Zertifikat. Hier ist die Quelle. Hier ist die Zahl.[9][10]

Pedrali Tatami Terrassenstühle in verschiedenen Farben auf grüner Alpenwiese mit Bergen im Hintergrund

 

Pedrali sagt nicht „recycelter Kunststoff“. Pedrali sagt: 50 Prozent Post-Consumer-Abfall, 50 Prozent Industrieabfall, zertifiziert. Nicht pauschal. Nicht gerundet. Genau.[11][12]

PP-Stuhl HUG von Scab, zwei moderne Designstühle in hellgrau und oliv für Hotel, Restaurant und Objektbereich

 

SCAB sagt nicht „wir haben Solarenergie“. SCAB sagt: 3.474 Module, 13.450 Quadratmeter, 1.632.780 Kilowattstunden Jahreserzeugung, ICMQ-zertifiziertes Recyclatmaterial in der Go-Green-Kollektion. Zahlen, die überprüfbar sind. Anlagen, die besichtigt werden können.[13]

Das ist der Unterschied zwischen Marketing und Transparenz.

5 Fragen: 

Was ein informierter Käufer fragen sollte

Die Richtlinie kommt nicht. Der Staat schützt heute nicht vor Greenwashing im Möbelsegment. Also muss die Frage vom Käufer kommen.

Fünf Fragen, die jede Greenwashing-Aussage entlarven:

1. Welches Material genau? Nicht „recycelt“ – sondern was, wie viel Prozent, woher, zertifiziert durch wen?

2. Mit welchem Strom produziert? Nicht „erneuerbar“ – sondern welche Quelle, welcher Produzent, welche Zertifizierung?

3. Wo hergestellt? Nicht „EU-konform“ – sondern welches Land, welches Werk, welche Entfernung zum Käufer?

4. Welche unabhängige Prüfung? Nicht ein eigenes Logo – sondern welches akkreditierte Institut hat die Aussage geprüft?

5. Was passiert am Ende? Nicht „recyclebar“ – sondern wie, wo, von wem, mit welcher dokumentierten Quote?

Wer diese fünf Fragen stellt, bekommt von Nardi, SCAB und Pedrali eine Antwort. Wer sie einem typischen asiatischen Massenanbieter stellt, bekommt eine neue Produktkatalogseite.[14][9][13]

Warum das für ehrliche Unternehmen wichtig ist

Greenwashing schadet nicht nur Verbrauchern. Es schadet vor allem den Unternehmen, die echte Arbeit leisten.

Wenn jeder Stuhl „nachhaltig“ heißt, verliert das Wort seine Unterscheidungskraft. Der Hersteller, der 1,6 Millionen Kilowattstunden Solarstrom produziert, steht im Regal neben dem Anbieter, der nichts weiter als das Wort „öko“ auf seinen Katalog gedruckt hat. Der Preis des ersteren ist höher. Der Käufer, dem das Wort genug ist, wählt den günstigeren.[15]

Das ist Marktversagen. Es belohnt Unehrlichkeit und bestraft Investition.

Die einzige Gegenkraft ist Transparenz. Spezifische, verifizierbare, nachprüfbare Aussagen – und Käufer, die den Unterschied erkennen. Das ist unbequemer als ein Zertifizierungssystem, das der Staat durchsetzt. Aber es ist das Einzige, was in der Zwischenzeit funktioniert.

Der Punkt

53,3 Prozent. Mehr als jede zweite Umweltaussage in Europa war 2020 vage, irreführend oder unfundiert. Und die Green Claims Directive, die das ändern sollte, wurde 2025 zurückgezogen.[1][3]

Das ist keine Entschuldigung für Gleichgültigkeit. Es ist eine Einladung, genauer hinzuschauen.

Wer einen Gartenstuhl kauft und „nachhaltig“ liest, sollte die nächste Frage stellen: Was bedeutet das konkret? Und wenn die Antwort vage bleibt, ist die Antwort bereits gegeben.

Die Kernaussage dieses Artikels: Nicht Greenwashing als Moral-Vorwurf, sondern als Marktversagen. Die 5 Fragen am Ende sind das praktische Werkzeug. Die Tatsache, dass Nardi, SCAB und Pedrali die 5 Fragen beantworten können, während andere schweigen, ist das stärkste Argument der Artikelserie.

Nächster Artikel der Serie: „ Aluminium ist nicht gleich Aluminium: Sekundär vs. Primär, Europa vs. China

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Dr. Christoph Hantermann

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